„Biesdorf, das Werder des Ostens“

Zur Geschichte der Entwicklung des Biesdorfer Blütenfestes
von Karl-Heinz Gärtner
ehrenamtlicher Ortschronist, Mitglied des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf e.V.

Wer im Frühling einmal in der Nähe von Werder oder im Havelland war, bewunderte das schneeweiße und rosafarbene „Blütenmeer“ der Obstbäume. So muss es 1932 auch der 26-jährige Kaulsdorfer Journalist und Schriftsteller Hansotto Löggow (12.8.1906-23.05.1989) gesehen haben. Er wählte für den von ihm verfassten „Früher durch Biesdorf“ den Titel „Biesdorf, Werder des Ostens“. Aus seinen Worten ist deutlich herauszulesen, dass nicht er den Begriff prägte, sondern eine schon länger bestehende Bezeichnung für das Biesdorfer Werder übernahm. Den Ruf hatte Biesdorf möglicherweise auch wegen seiner zahlreichen Ausflugsgaststätten. Um 1932 gab es 19 gastronomische Einrichtungen, die Ausflügler und Bewohner anlockten und den berühmten Biesdorfer Obstwein anboten. Obwohl Biesdorf nicht die gleiche schöne und reizvolle Umgebung zu bieten hat, konnte sich die Blütenpracht mit der Werder`schen vergleichen. Gerade die vielen Gärten in den Siedlungsgebieten von Biesdorf-Nord und Biesdorf-Süd, die beiden ehemaligen Biesdorfer Obstbaumplantagen der Familien Händel und Burisch an der Cecilienstraße 126, Ecke Cohn`scher Weg, heute Blumberger Damm, der auch einige Jahre im südlichen Bereich unter den Namen Kirschallee geführt wurde. Nachweislich wurde 1916/1917 ein in Norden gelegener Teil des Biesdorfer Pfarrackers von ca. 62.500 m² gepachtet, auf dem ein für landwirtschaftliche Zwecke errichtetes Gebäude mit einer Stall- und Kelleranlage, einer kleinen Wächterwohnung und Remisen entstand. Noch heute steht davon noch etwas. Etwa 40 Jahre lang hatte diese Obstplantage existiert, auf der in den letzten Jahren Sauerkirschen standen.
Zu erwähnen sind auch die vielen Straßenbäume, die mit der Entstehung der Siedlungen am Straßenrand gepflanzt worden sind und zum größten Teil noch heute stehen, sie prägen ebenso wie die Obstbäume den Slogan „Werder des Ostens“. Vergleichbare Entwicklungen fanden in Kaulsdorf, Mahlsdorf und Marzahn statt. Obstgärten wurden auch in der 1893 eröffnete Städtische Anstalt Wuhlgarten bei Biesdorf, das spätere „Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus“ angelegt. Die Ernteerträge, die von Patienten gepflegten Obstgärten dienten der Selbstversorgung der Anstalt. Auch soll es im 19. Jahrhundert einige Rebstöcke gegeben haben. Mit einer Ansichtskarte kann eine 1911 statt gefundene Obst- und Gartenbauausstellung in Biesdorf-Nord im Restaurant „Schillersäle“ Königstraße 120 am Schillerplatz, seit 1938 Lappiner Platz und seit 1967 Otto-Nagel-Straße, belegt werden.



Aus einem Bericht des Niederbarnimer Kreisblattes wissen wir heute, dass bereits 1909 in Biesdorf, in der kleinen Bahnhofsgaststätte von Julius Heese, die erste Obst- und Gemüseausstellung stattgefunden hatte (die alte Biesdorfer Bahnhofsgaststätte, besser bekannt unter dem Namen Neumann, oder Paule errichtet ca. 1893 wurde im Feb-März 2016 durch den neuen Investor bedauerlicherweise abgerissen). Eine Jury prämierte die qualitativ besten Gartenprodukte. Beratungen zur Auswahl geeigneter Obstsorten und zu Fragen des Gartenanbaues gab es seit dem 28. Januar 1905. Der damals gegründete, heute nicht mehr existente Obst-und Garten-Bauverein Biesdorf e. V. und die neuen Siedler, von denen sich die meisten ohne Vorkenntnissen aus der Stadt kommend einen Garten zulegten, war richtunggebend für die Entwicklung zur Gartenkolonie. Belohnt wurden die Siedler mit reichen Ernten hochwertigen Obstes. Fast alljährlich wurde auf Ausstellungen in Biesdorf und in den Nachbargemeinden Biesdorfer Obst gezeigt und mit hohen Ehrungen bewertet. Überschüssiges Obst wurde der Volkswirtschaft zur Verfügung gestellt, dafür gab es 1932 vier Sammelstellen in Biesdorf, von denen der Transport zu Berliner Märkten organisiert wurde. Korbmaterial wurde kostenlos leihweise angeboten. Als Fachverein wurde der Biesdorfer Obst- und Gartenverein 1907 der Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg und für Berlin angeschlossen und zählte 1932 etwa 250 Mitglieder. Für einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 0,50 RM erhielt man monatlich die Fachzeitschrift „Der praktische Ratgeber“. Die Blütenpracht von Biesdorf-Nord belegt eine Serie eines der größten Berliner Ansichtskartenverlage, Julius Goldiner vom Ende der 1920er Jahre.



Nicht bekannt ist, seit wann in Biesdorf-Nord das erste Blütenfest begangen wurde. Altansässige Biesdorfer erinnern sich an die schöne Zeit während der Baumblüte und an die Blütenfeste in der ersten Maiwoche. Ein frühestes Datum eines Biesdorfer Blütenfestes finden wir im Lichtenberger Tageblatt vom 15.Mai 1931, das darüber berichtete:

Blütenfest in Biesdorf. Neben Werder und Guben wirbt in diesem Jahre auch das große Obstanbaugebiet Biesdorf um Besuch zur Baumblüte. Es sind jetzt rund 25 Jahre her, seit hier die ersten Obstplantagen von Berlinern angelegt wurden. Meilenweit dehnen sich die Obstgärten von Marzahn an der Wriezener Bahn im Norden bis hinunter zur Wuhlheide im Süden. Die S-Bahn nach Mahlsdorf durchschneidet das Gebiet etwa in der Mitte. Auf dem Schillerplatz dicht am Bahnhof Biesdorf wird am Sonntag Nachmittag vier Uhr ein großer Blütenfest-Umzug in alten Volkstrachten der Mark Brandenburg und anderen deutschen Trachten veranstaltet.
Erwähnt wurden auch immer wieder die wohlschmeckenden Biesdorfer Obstweine und die vielen Obstsäfte, die Inhaber der Gastwirtschaften, aber auch die Biesdorfer Gartenbesitzer an ihrer Gartentür den auch mit zahlreichen Kremsern anreisten Gäste anboten. Bis etwa 1936 gestaltete sich um den Schillerplatz das Zentrum des alljährlichen Frühlingsfestes, bei dem als Organisatoren nicht nur der Obst- und Gartenverein Biesdorf e. V. sondern auch die Biesdorfer Grundbesitzer-Vereine eine tragende Rolle gespielt haben. Karussells, Schießbuden und vieles mehr lockten Groß und Klein nach Biesdorf. Größere Gaststätten, die über einen Tanzsaal verfügten, wie z. B. im Restaurant „Lindengarten“, in der Prinzenstraße 45, ab 1951 Prignitzstr. 100, (1993 abgerissen), das Restaurant „Gesellschaftshaus“ (Alt Biesdorf 30), im Restaurant „Zum Waldfrieden“ (heute Restaurant „Grüne Aue“, Köpenicker Straße, Ecke Zimmermannstraße) oder das Restaurant „Waldschlösschen“ (Köpenicker Straße, Ecke Guntramstraße, heute Wohnhaus) lockten zu Blütenbälle mit Musik und Tanz. Aber auch im ältesten Gasthof von Biesdorf, im Biesdorfer Krug, der ebenfalls einen Saal hatte, wurde das Blütenfest gefeiert. Erst nachdem die Stadt Berlin 1927 das Gut Biesdorf, einschließlich dem Schloss und die ca. 14 ha große Parkanlage von der v.Siemens`schen Erbengemeinschaft GmbH über die Gesellschaft „Hildebrand“ käuflich erwarb und der Schlosspark zu Pfingsten am 27. / 28. Mai 1928 als Stadtpark der Öffentlichkeit übergeben wurde, verlagerte sich ab Mitte der 30er Jahre der Mittelpunkt des Blütenfestes in den nun zugänglichen Schlosspark. Organisiert von der NSDAP, bekam die Blütenpracht zu dieser Jahreszeit eine „braune“ Färbung. In jenen Jahren fanden, erstmalig 1936 und 1937 im Schlosspark die sogenannten „Heimatfeste“ statt, welche die Verherrlichung des Militarismus zum Ziel hatte. So ließ man 1937 auf dem Schlossteich eine Modellschiffparade vorführen. Sportliche Wettkämpfe, Volksliedersingen, Lagerleben in Zelten und Militärmusik bildeten Programmhöhepunkte. Die Besucherzahlen für das Blütenfest 1937 wurden, wenn man der damaligen Pressemitteilung Glauben schenken darf auf 100.000 geschätzt. Es wurde sogar Eintritt für den Besuch des Schlossparks erhoben, Erwachsene zahlten 20 Pfennig für die Fest-Eintrittskarte, Kinder hatten dagegen freien Eintritt. Am 8. Mai 1938 fand ebenfalls unter der Leitung der Ortsgruppe Biesdorf der NSDAP nochmals ein Heimatfest anlässlich der Baumblüte in Biesdorf im Schoßpark mit ähnlichem Programm, wie im Vorjahr statt. Journalisten betitelten ihre Zeitungsartikel mit ´“Biesdorf- ein Blütenmeer oder „Heimatfest in Blütenpracht“. Ob auch im Mai 1939 oder noch in den Folgejahren dieses Fest veranstaltet wurde konnte bisher nicht belegt werden. Es ist denkbar, dass mit Ausbruch des II. Weltkrieges nie wieder ein Biesdorfer Blütenfest gefeiert wurde.
Die Nachkriegszeit war geprägt von Wohnungsnot, Versorgungsknappheit, Engpässen bei der Bereitstellung von Heizmaterialien. Trotz der Genehmigung zum Fällen jeden zweiten Straßenbaumes blieben viele alte Straßenbäume erhalten. Eine statistische Erhebung von 1949 belegt, dass Biesdorf zu Recht als das „Werder des Ostens“ bezeichnet wurde, gab es hier doch 34.847 Apfel-, 17.293 Birn-, 1.731 Süßkirsch-, 22.112 Sauerkirsch-, 13.721 Pflaumen-, 151 Quitten-, 752 Walnuss-, 3.100 Pfirsich- und 214 Aprikosenbäume. Hinzu kamen Beerenstauden. Auch in den 1960er Jahren war die Siedlergemeinschaft Biesdorf-Nord (Geschäftsstelle Hafersteig 110) mit seinen Vorsitzenden Martin Conrad sehr aktiv und führte die Traditionen des Gartenbaues von vor 1933 fort.
Die Mitgliederversammlungen fanden im 1993 abgerissenen Kino BIO, Prignitzstr. 100, (1993 abgerissen) statt. Eine volkswirtschaftliche tragende Rolle spielte der Obstaufkauf. Eine Aufkaufstelle für Obst und Gemüse befand sich bei der GHG Marzahn, die 1966 für einwandfreie lagerfähige Äpfel pro Kilo 1,10 MDN zahlte. Als Anreiz wurde für je 100 kg eine Prämie in Höhe von 20,- MDN ausgezahlt. Auch in den privaten und Geschäften des Konsums wurden Obst und Gemüse sowie Eier und Felle zu günstigen Konditionen aufgekauft. Bis 1989 gab es die Möglichkeit, Obst in der HO Kaufhalle Oberfeldstraße neben dem Restaurant „Biresca“ zu verkaufen oder in den Mosterei-Annahmestellen Prignitzstraße und Eisenacher Str. abzugeben und gegen geringes Entgelt dafür Obstsaft oder Apfelwein zurück zu erhalten. Der letzte Blütenball wurde in Biesdorf-Nord am 20. Mai 1989 im Restaurant „Bieresca“ vom Wohnbezirksausschuss WBA 205 veranstaltet. Seit den Feierlichkeiten zum 625-jährigen Biesdorf-Jubiläum 2000 wurde diese schöne alte Tradition wieder aufgegriffen und erfreut sich nun bereits zum 17. Mal bei den Besuchern aus Nah und Fern bester Beliebtheit.

Die erste Obst- u. Gemüseausstellung nach dem Krieg
In Biesdorf gab es um 1951 auch Überlegungen ein neues “Werder an der Wuhle” zu schaffen, aber leider außer einer anfänglichen privaten Initiative des früheren Vorsitzenden des Biesdorfer Gartenbauvereins Reinhard Keller mit kleineren Obstausstellungen und mit Abgabe von Obstwein aus dem eigenen Garten, waren diese Aktivitäten zwar für Biesdorf eine gute Reklame, sind aber darüber hinaus nicht weiter getragen worden. Eine erste große “Obst- u. Gemüseausstellung” mit einer kleinen Industrieschau fand nach dem II. Weltkrieg vom 29. September bis 1. Oktober 1951 in Kaulsdorf statt. 164 Aussteller des Eigenheim- und Grundbesitzer-Vereins Kaulsdorf, der auch der Veranstalter diese Schau war, stellten im großen Saal des Gesellschaftshauses Kaulsdorf (Gasthaus Willi Lehmann) ihre Produkte einer strengen Jury vor. Ein besonderes Anliegen der Kaulsdorfer Siedler war, eine Beitrag zu leisten, um den alten Ruf, den Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf als “Werder des Ostens” hatte, wieder zu erlangen. Unter vielen anwesenden Persönlichkeiten war auch der damalige Lichtenberger Bezirksbürgermeister Horst Hilbert, der bei seiner Eröffnungsansprache sich beeindruckend äußerte, von dem was er gesehen hatte und wünschte bzw. hoffte, dass es den Siedlern gelinge, hier ein zweites Werder entstehen zu lassen. Im Vorraum des Saales zeigte die Mahlsdorfer Gärtnerei Gerbes eine prachtvolle Blumenschau. Auch die Bühne war mit herrlichen Blumen geschmückt und zog den Blick aller Besucher auf sich. In den Nebenräumen hatte die Industrie ihre Stände aufgebaut. Die Kaulsdorfer Mosterei Firma Matthiä ließ es sich nicht nehmen, die Besucher mit Kostproben ihrer Erzeugnisse zu bewirten.
Vorgesehen war diese Art der Ausstellungen fortzuführen, ob es weitere in Kausldorf gab muss noch erforscht werden, zu mindest aber nicht mehr im Saal des ehemaligen Gesellschaftshauses, denn der wurde 1958 durch einen starken Sturm, Blitz und Feuer zerstört und abgerissen. Aber überliefert ist, dass am 13. und 14. September 1958 zum Tag der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter der Siedlergemeinschaft Biesdorf-Nord im Schoss Biesdorf eine Ausstellung veranstaltet wurde.